Leseprobe

Traumzeit

Schweiß, Hitze, Keuchen, Hecheln – verzweifelte kleine Schreie, irgendwo weiter hinten. Selbst die Nacht verspricht hier unten keine Linderung. Die Welt um sie herum dampft. Selbst die Finsternis des Dschungels verbirgt sie nicht vor den Augen ihrer Verfolger, wenn sie auch selbst kaum etwas sehen können. Sie werden sich die Hälse brechen, noch ehe der Feind sie erwischt. Die Fjeng-Kobolde sind schlimm, aber ihre Cousins, die Fjeng-Nabuk, sind schlimmer. Groß, schnell, gnadenlos und tödlich mit ihren Klingen aus geschliffenem Obsidian.

Du siehst sie nicht kommen, denn sie sind eins mit der Nacht. Du hörst sie nicht, wenn sie sich anschleichen, denn sie sind Teil des Urwaldes. Du weißt gar nicht, was dich erwischt, wenn es so weit ist. Entweder das oder sie hängen dich an deinen Achillessehnen auf. Liane durch und ab dafür.

Mach dir keine Hoffnungen, deine Schreie wird man nicht hören. Dafür sorgen sie. Und am Ende schneiden sie dir Eier und Wurst ab und stopfen sie dir in den Mund. Einfach so, weil sie’s können. Und weil sie damit allen, die nach dir kommen, eine Heidenangst einjagen.

So muss es sein. Bei ihm wirkt diese Terrortaktik jedenfalls ganz wunderbar.

Schweiß, Hitze, Keuchen, Hecheln. Laute Schreie von vorn.

Schwarz. Dunkelgrau. Anthrazit. Ein noch satteres Schwarz. Eine Welt aus Kohle, Öl, Schiefer und Granit. Keine Farbe, keine klaren Formen – nur Schlieren aus Dunkelheit, die jede Orientierung unmöglich machen.

Er stolpert, er fällt, er rappelt sich auf. Er weiß nicht, wohin er flieht, aber er flieht. Flieht durch eine träge Schwüle, die ihn einhüllt, die ihn durchtränkt und niemals aus ihrer klebrigen Umarmung fortlässt. Er rennt, er strauchelt, er keucht und spuckt. Er flieht durch den Dschungel.

Vielleicht flieht er noch immer.

Ein Ruck geht durch die Welt. Fühlt sich ein bisschen an, als würde er schweben.

Dann schwebt er wirklich. Nein, er schwimmt. Er hätte nie gedacht, dass er mal ertrinken würde. Er ist am Meer aufgewachsen, was an sich noch lange nicht heißt, dass er zwingend schwimmen können müsste, aber er hat es früh gelernt. Er kann es ganz passabel. Er ist Marinesoldat. Das Wasser ist sein Freund.

Aber das hier ist kein Meerwasser. Kein Salz, keine erfrischende Kühle.

Dies ist Tümpelwasser. Süß, warm, abgestanden.

Er will nicht in Tümpelwasser ertrinken.

Er will gar nicht ertrinken, aber erst recht nicht hier im Morast!

Er strampelt und seine Lungen drohen zu zerbersten. Er spürt die Klauen im Nacken, die ihn niederdrücken. Es müssen drei, vier oder mehr von den kleinen Wichsern sein.

Seine Welt ist braun. Er kann Schemen an der Wasseroberfläche ausmachen. Er will atmen. Er sieht die Grimassen der Kobolde verzerrt über sich. Er schlägt und er strampelt und er merkt, wie ihn die Kraft verlässt.

Er spürt etwas in seinem Ohr. Fühlt sich schleimig und eklig an, aber angesichts der Tatsache, dass er ertrinkt, hat er jetzt keine Muße, sich auch noch damit auseinanderzusetzen.

Seine Hände fahren über Sand, kleine Schlingpflanzen, über Steine, die zu klein sind, um als Waffen effektiv zu sein. Über wieder andere, die zu groß sind. Zu glatt. Zu schwer, zu gleichmäßig. Ein Fundament. Muss zu den alten Ruinen gehören.

Die Ruinen. Wieso ist er hergekommen, zu dieser Stadt der Toten? Um zu sterben, lautet die ebenso einfache wie passende Antwort.

Er muss raus. Er muss nach oben. Er muss.

Sein Sichtfeld schränkt sich noch mehr ein. Er verliert das Bewusstsein.

Doch zuvor wird er Wasser schlucken. Widerliches Brackwasser.

Schon hat er einen Mundvoll genommen. Noch ist nichts in seiner Lunge. Es schmeckt, wie es riecht. Er will kotzen. Noch mehr will er atmen. Er will, dass es vorbei ist.

Er bekommt seinen Wunsch, wie’s scheint. Er atmet schließlich das Wasser ein, kann einfach nicht anders, und sein ganzer Körper scheint erst aufzuschreien, um dann abrupt zu verstummen. Es ist, als hätte man ihm Teer in den Brustkorb gefüllt. Er spürt nichts mehr.

Er stirbt.

Er stirbt nicht.

Ein Ruck geht durch die Welt. Ein bisschen, als würde er fliegen.

Feuer, Rauch, Schreie.

Vielleicht ist er hingefallen. Schwer zu sagen. Ihm ist, als würde er aufstehen.

Feuer, Rauch, Schreie.

Der armlange Pfeil fährt in die Augenhöhle des Jungen und bleibt zitternd stecken. Er schaut fragend, während das Blut an den Rändern des Pfeilschafts entlangrinnt. Seine Lippen formen Worte, die niemand versteht. Er taumelt und seine Beine knicken ein. Sein Leben erlischt.

Feuer, Rauch, Schreie.

Rote Schlieren, gelbe Schlieren. Eine Sonne, die unbarmherzig brennt.

Ein Knall scheint die gesamte Welt verstummen zu lassen. Es fiept in seinen Ohren. Ein abgerissener Kopf segelt über den Schützengraben, gefolgt von Blut und Dreck und dem heißen Wind, den die Detonation verursacht hat und der nun Leichengeruch und den beißenden Gestank des Knallpulvers, dem neuesten Schrei der Kriegstechnik, herüberweht. Sie sind wahre Künstler im Umgang mit diesem aus Übersee importierten Dreckszeug, diese götterverdammten Bastarde. Kreativ, gestört und skrupellos.

Fast glaubt er, dass er sie kichern hören kann. Natürlich Blödsinn. Er hört gar nichts. Er sieht auch fast nichts, weil er Erde und Blut im Gesicht hat, aber er zwingt sich trotzdem, über den Rand des Grabens zu schauen.

Das Niemandsland liegt zwischen ihrer Stellung und dem Widerstandsnest der Fjengs, einer lächerlichen Ansammlung von Koboldbauten umringt von mehreren Gräben. Es können nicht mehr als zwei oder drei Dutzend von ihnen sein, aber sie sind schnell, furchtlos, gute Schützen mit Pfeil und Bogen und sie haben völlig den Verstand verloren.

Wenn er nur einen Bruchteil des Knallpulvers hätte, das diese kleinen Wichser von irgendwoher reingeschmuggelt haben – jeder weiß, dass die Großreiche von jenseits des Meeres ihre Revolte in Karra-Feng unterstützen, nur wer genau dieses verdammte Zeug liefert und wie, weiß ein Frontschwein wie er natürlich nicht, woher auch? – er würde diesen beschissenen Konflikt noch heute beenden. Diese Kobolde einfach ausräuchern und in ihre Anderswelt schicken.

Doch er hat nur die Ressourcen, die man ihm zugeteilt hat. Er blickt nach hinten. Bei ihm im Graben hocken noch zehn Mann, mehr sind nicht übrig. Entermesser, improvisierte Keulen, eine Armbrust.

Die Rekruten sind bleich, die meisten haben sich übergeben. Einer hat sich sogar in die Hose geschissen. Das auch noch. DAS auch noch. Es stinkt erbärmlich. Er kann mit diesen Kerlen nicht kämpfen, verdammte Scheiße!

Feuer, Rauch, Schreie.

Der Katapult wird wieder ausgelöst. Gleich fliegt die nächste Bombe zu ihnen rein.

Die Rekruten versuchen geradezu, sich untereinander zu verstecken. Er brüllt sie an. Er tritt sie, er schlägt sie, er droht ihnen mit Tod, Schimpf, Schande, Verderben und allem, was ihm einfällt.

Sie müssen es tun. Es tut ihm leid um sie, um die, um all das hier. Es hilft nichts. Wenn sie das hier überleben wollen, müssen sie das Dorf nehmen. Sie müssen.

Feuer, Rauch, Schreie und das Gefühl, dass dies das Ende ist. Dieses Mal wirklich.

Jetzt kommt es knüppeldick. Jetzt sterben sie. Er wird nie nach Hause zurückkehren. Auch egal. Er hat niemanden dort.

Alle haben ihn vergessen. Er ist hier draußen, im Dschungel. Allein unter Kameraden.

Feuer, Rauch, Schreie.

Er erinnert sich nicht, den Befehl gegeben zu haben.

Die Welt ist rot. Durch und durch rot. Da sind nur noch Angst und blanker Zorn – eine animalische Mischung. Er weiß nicht, ob jemand hinter ihm ist oder ob er ganz allein gegen den Feind stürmt.

Es kümmert ihn auch nicht. Es muss getan werden. Es muss einfach, frag nicht weiter. Handle. Taten sagen mehr als Worte – für die Hanse, für … ja, wofür eigentlich?

Scheiß drauf. Renn. Die Augen blitzen irre. Die Zähne auch. Wenn er’s durchs Niemandsland schafft, sind diese Pisser geliefert. Natürlich erwischen sie ihn vorher. Aber es muss sein. Es muss sein.

Die Welt ist rot. Rot wie Blut.

Feuer, Rauch, Schreie.

Die Welt besteht aus Blut und Stahl.

Nicht alle, die er da heute tötet, haben es verdient zu sterben. Einige von denen haben nicht mal eine Waffe. Einige von denen scheinen ihn in ihrer Sprache anzuflehen.

Nix verstehen.

Wenn die Maschine läuft, dann läuft sie.

Immer weiter, Junge. Hacken, Stechen, Parieren, Riposte und dann entleibe den Bastard!

So ist’s gut. So ist’s gut!

So ist’s gut, Breitarsch.

Ein Knistern, ein Windzug, ein kehliges, blubberndes Geräusch, das weder Schrei noch Grunzen ist und eher klingt wie ein Suppe schlürfender Riese mit schlechten Tischmanieren.

Kurz sieht er einen Riesen dort sitzen. Er zwinkert ihm zu. Dann fällt er mit dem Gesicht in die Suppe. Er schnarcht. Luftbläschen steigen auf.

Kurz sieht er sich selbst, wie er in einem Tümpel liegt. Er versteckt sich. Er atmet durch ein Bambusrohr. Irgendetwas ist dort draußen, er weiß nicht mehr was. Der schwarze Mann? Der Feind? Spielt er verstecken, sind es seine Freunde?

Wo ist er?

Wann ist er

Wer ist er eigentlich?

Ein Knistern, ein Windzug, das kehlige, blubbernde Geräusch.

Ein Fjeng-Kobold zieht von ganz unten die Rotze hoch und spuckt aus. Direkt auf eine Hanseflagge. Dann tanzt er, dabei grinsend seine Goldzähne zeigend. Dieser Bastard, dieses Schwein!

Kurz sieht er sich selbst, wie er sich übergibt. Besoffen, durchzecht, kaputt, verloren, irgendwo im halbrealen Urschlamm, im nie endenden, zähen Matsch eines verregneten Bergdorfes, das die Welt vergessen hat.

Kurz sieht er Feldweybel Nekker. Sein Blick ist leer, die Haut ist grau. Wo sein Hals war, ist jetzt nur noch ein hölzerner Pfahl.

Kurz sieht er Glatze May. Glatze May hat nicht mal mehr eine Glatze, da ist nur noch rohes Fleisch. Seinen haarlosen Skalp haben die Fjengs.

Ein Knistern, ein Windzug, ein kehliges, blubberndes Geräusch.

Das Knistern ist ein ledriges Flattern. Keine Fledermaus, Glatze Mays Skalp, der durch ein Unwetter fliegt. Er hält sich tapfer, aber er hat keine Chance. Die Flughunde kriegen ihn, sie kriegen ihn immer. Die Fleischfresser. Die Fleischfresser. Fleisch. Überall Fleisch. Die Welt ist aus Fleisch gemacht. Aus Fleisch und aus jenen, die es fressen.

Kurz sieht er einen Hafen. Alle Schiffe brennen. Es sind Dschunken und Koggen, aber vor allem kleine Fischerboote. Oben im Dorf brennt es auch. Niemand überlebt das. Niemand kann das überleben.

Da ist ein Knistern, da ist ein Windzug, da ist ein kehliges, blubberndes Geräusch, da ist ein Zischen wie wenn man Lampenöl ins Lagerfeuer gießt.

Kurz sieht er eine menschliche Fackel.

Kurz sieht er einen Riesen, der lacht. An seiner Lanze klebt dick und zäh das Blut. 

Ein Knistern, ein Windzug, ein kehliges, blubberndes Geräusch, das von links kommt und immer lauter wird, näherkommt, bis er es endlich erkennt!

Hätte er drauf kommen können.

Kurz sieht er sich selbst dort stehen, hoch oben auf einer hölzernen Plattform, die sich an ein Gebäude schmiegt, das nicht von Menschenhand geschaffen ist. Das ist auch kein Gebäude. Er kennt den Fachbegriff nicht. Es ist Natur. Sie haben es gemacht. Wie auch immer sie das geschafft haben, sie sind ja nur Viecher, aber sie haben das gebaut.

Er hat noch nie so abstoßende Tiere gesehen. Wie die Libellen daheim, nur groß wie zwei Kutschen mit einer Spannweite wie die mächtigsten Lindwürmer. Riesige Facettenaugen, die ihn an Handbälle erinnern – besonders rote, besonders hässliche. Die Körper komplett bedeckt von stacheligen, borstigen Haaren. Lange Rüssel, am Ende trichterförmig wie die Posaunen der Hanseherolde. Es läuft gelber Seiber heraus.

Sie sind furchterregend, aber zahm, die Michios der Findari. Sie tragen Fracht, sie tragen Truppen, sie werfen Doppelwummer ab – Tonkrüge voll mit einer Flüssigkeit, die bei Erschütterung explodiert. Und wie sie explodiert! Wie viele Fjengs sie damit schon aus der Luft alle gemacht haben, ohne Gefahr für ihre Jungs.

Rache für ihre Jungs.

Rache ist angesagt in diesen Tagen.

Die Michios sind unverzichtbar für die Kriegsanstrengungen der Allianz in Karra-Feng.

Unverzichtbar. Das Wort echot scheinbar endlos in seinem Kopf, während er eine schier endlose Zahl an Michios aus ihrem Stock abheben sieht, beladen mit Kobolden, Gerät und Kampfmitteln. Sie verlassen ihre Waben mit so schnell flatternden Flügeln, dass sie vor dem geistigen Auge verschwimmen. Fliegen in perfekter Formation.

Sie stoßen ihn ab und faszinieren ihn gleichermaßen.

Ihre Flügel knistern wie Pergament, das zusammengeknüllt wird. Wenn sie an ihm vorbeizischen, erzeugen sie einen mächtigen Windstoß, der ihn von der Plattform zu fegen droht. Aus ihren Rüsseln dringt ein kehliges Blubbern.

Er muss dringend pinkeln.

Licht. Schwärze. Dann ganz lange Licht. Wacht er endlich auf? Da sind Schmerzen. Überall Schmerzen. Sein Körper besteht daraus. Wo Knochen waren, ist gleißender Schmerz, wo sein Fleisch war, ist dumpfes Pochen, das ihn zernagt. Wo sein Blut war, ist Feuer, das ihn von innen verbrennt.

Wird er sich in einem Lazarett wiederfinden oder auf dem Totenbett? Wenn er die Augen öffnet, was wird er sehen? Das Antlitz jenes Gottes, in dessen Reich er am besten passt? Die besorgte Miene irgendeines Feldschers? Die blanke Klinge eines Fjengs, der triumphierend grinst?

Wo ist er?

Wann ist er?

Wer ist er?

Licht. Schwärze. Licht. Dann Schwärze.

Er verlässt diese Welt.