Schriftstücke

Hier alles, was ich sonst noch so aufschreibe. Auf Bierdeckeln. In .txt-Dokumenten. Mit der innovativen Stiftfunktion meines überteuerten Handys! Na ja, okay. Vielleicht beschränke ich mich auf „Lesenswertes“.

Mein Beitrag zum BOD „Book Date“ 2020 (Langfassung)

Mit einem respektvollen Kopfnicken an die ernstzunehmendste Metalband der Welt gab ich ihr insgeheim den mächtigen Titel:

Return of the Warlord

Es gab schlimmere Arten, seinen Lebensabend zu verbringen.

                Sie mochten es ursprünglich als Strafe gedacht haben, dieses Exil, in das sie ihn verbannt hatten – natürlich hatten sie das, närrische Einfaltspinsel, die sie waren –, als Strafe und als Demütigung und als finaler Schlag ins Gesicht. Als Folter, womöglich. Ein Schicksal schlimmer als der Tod, eine schiere Ewigkeit in völliger Passivität, gänzlich ausgeklammert von der Welt um ihn herum. Wenn man die eindrucksvolle Biografie betrachtete, die er selbst in so unzählig vielen Jahren in Blut und Tränen geschrieben hatte, leuchtete diese Sichtweise ein.

                Ja, es mochte niederträchtig wirken, ihn auf dieses unwürdige Dasein unter Hausarrest zu reduzieren. Wachen, Nahrungsaufnahme, Dösen, Nahrungsaufnahme, Schlaf – und wieder von vorn. Neutrale Beobachter würden sein Leben, sein Dahinvegetieren, mit großer Sicherheit als zermürbend langweilig, geistig anspruchslos und weitestgehend sinnbefreit ansehen. Da war kein Ziel, auf das er hinsteuerte. Keine Siege und großen Eroberungen mehr am Horizont, die seinen gewaltigen Hunger nach Macht, Einfluss und Dominanz stillen würden. Nicht, dass sie das jemals gekonnt hätten, als er noch der war, als der er geboren wurde. Sein Hunger war stets unstillbar gewesen, hatte nur temporär befriedigt werden können.

                Und er war immer noch da, stellte er fest, während er nun so auf weichen Polstern in der Sonne lag und sich die milde Sommerluft um die Nase wehen ließ. Vögel zwitscherten. Insekten summten und lenkten für kurze Augenblicke seine Aufmerksamkeit auf sich. Ja, der Hunger war noch da. Er hatte sich lediglich verändert.

                Er gähnte, streckte sich fahrig und sah mit halb geöffneten Augen zum Himmel auf. Lediglich eine einzelne Sonne brannte dort oben, eine gleißende Scheibe auf einem tiefblauen Himmel, die er zwar zu schätzen gelernt hatte, die aber ansonsten nur geringe Gemeinsamkeiten mit den Gestirnen seiner letzten Heimat aufwies. Als er an die grausamen Doppelsonnen dachte, die sein bescheidenes Zuhause jeden überlangen Tag mit ursprünglicher, indifferenter Grausamkeit versengt hatten, gab er einen unwilligen Laut von sich. Halb sehnsüchtig, halb froh darum, die lebensfeindlichen Bedingungen dieser Welt hinter sich gelassen zu haben.

                Die Urheber des Gerichtsurteils, das ihn hierher verbannt hatte, hätten sicherlich gestaunt, wenn sie sich die Mühe gemacht hätten, ab und an in seinen Kopf zu schauen. Manchmal fragte er sich, ob sie wirklich dachten, sie seien ihn endgültig und für alle Zeiten los. Ob sie wirklich glaubten, sie könnten ihn einfach auf diesen rückständigen Erdklumpen verbannen, ihn in diesem pummeligen Körper einsperren und erwarten, er sei keine Bedrohung mehr für sie.

                Dabei gefiel es ihm hier tatsächlich, wie gesagt. Diese müßiggängerische Existenz unter lächerlichen Wesen, die seiner Intelligenz nicht gewachsen waren und seine eigene Natur nicht ansatzweise ergründen konnten, hatte etwas Reizvolles.

                Als das charakteristische Geräusch der sich öffnenden Kühlschranktür an sein Ohr drang, wurde er hellhörig. Mit einem Murren setzte er sich auf, sprang von seiner Sitzgelegenheit und rannte ins Haus.

                Der dümmlich schauende Mensch redete in seiner hohen, kindischen Stimmlage auf ihn ein, richtete primitive Worte in einer grotesken Zunge an ihn, deren Bedeutung ihn wenig scherte. Er las die Emotionen und Gedanken dieser zweibeinigen Kreatur wie einen sauber formulierten Frontbericht. Er stellte die Ohren auf, setzte sich auf seine Hinterläufe und legte den Kopf schief, um sein unbedarftes Herrchen mit großen orangefarbenen Augen anzuschauen – orangefarbenen Augen, die das einzige körperliche Merkmal waren, das noch von seiner alten Form zeugte.

                Das Futter im Napf vor ihm war frisch und roch wohlschmeckend. Der Nahrung auf Gelbasis, die er in seinen alten, großen, kriegerischen Zeiten vornehmlich zu sich genommen hatte, bei Weitem überlegen. Zufrieden gab er ein kleines Seufzen von sich und steckte seine Nase in den Napf.

                Während der gurrende Mensch ihm den Nacken kraulte und er sich gierig grunzend das Fleisch einverleibte, war er einmal mehr überzeugt, dass er es wahrlich schlechter hätte treffen können.

                Sie hätten ihn in einen Hund sperren können. Keine zehn Grrzkars hätten ihn dazu gebracht, sein Geschäft außerhalb des Hauses zu verrichten wie ein N‘zuk!

                Ja, es gab schlimmere Arten, seinen Lebensabend zu verbringen.

                Aber das musste ja nicht heißen, dass er sich keine bessere Art vorstellen konnte.

                Er würde zurückkehren. Er würde sich rächen.

                Beides jedoch hatte noch bis nach dem Abendbrot Zeit. 

Oh ja, dieses Bild gab’s dazu, weil musste man machen. Und noch ein nettes Gimmick hatten die guten Damen und Herren bei BOD sich ausgedacht: Es durften nur 2500 Zeichen sein (inklusive Leerzeichen). Also hab ich Folgendes aus der Langfassung gemacht (okay, meine Frau, die wunderbare Kat Nolte, hat geholfen, weil ich so schlecht kürzen kann, wie jeder weiß, der diesen Text hier liest. Schöner Text, langer Text, Text, Text, Text):

Mein Beitrag zum BOD „Book Date“ 2020 (Kurzfassung)

Es gab schlimmere Arten, seinen Lebensabend zu verbringen.

                Diese Narren mochten das Exil, in das sie ihn verbannt hatten, als Strafe erdacht haben. Ein Schicksal schlimmer als der Tod, eine Ewigkeit in völliger Passivität. Wenn man all die blutigen Jahre zuvor bedachte, leuchtete dies in gewisser Weise ein.

                Es mochte niederträchtig wirken, ihn auf dieses Dasein zu reduzieren. Wachen, essen, dösen, essen, schlafen – und wieder von vorn. Viele hätten sein Leben als geistig anspruchslos und sinnbefreit angesehen. Keine großen Siege und Eroberungen mehr, die seinen unendlichen Hunger nach Macht und Einfluss stillten.

                Er war immer noch da, stellte er fest, während er sich jetzt auf weichen Polstern die Sommerluft um die Nase wehen ließ. Vögel zwitscherten, Insekten summten. Und der Hunger war noch da. Er hatte sich nur verändert.

                Er gähnte und sah mit halb geöffneten Augen zum Himmel, an dem eine einzelne Sonne brannte. Als er an die sengenden Doppelsonnen seiner alten Heimat dachte, gab er einen Laut von sich – halb sehnsüchtig, halb froh, diese lebensfeindliche Welt hinter sich gelassen zu haben.

                Seine Richter hätten gestaunt, hätten sie sich die Mühe gemacht, ab und an in seinen Kopf zu schauen. Es gefiel ihm hier. Ein Leben unter naiven Wesen, die seiner Intelligenz nicht gewachsen waren, hatte etwas Reizvolles. 

                Als er das Geräusch der Kühlschranktür vernahm, wurde er hellhörig. Murrend setzte er sich auf, sprang vom Polster und rannte ins Haus.

                Der Mensch redete mit kindischer Stimme auf ihn ein. Primitive Worte, deren Bedeutung ihn wenig scherte. Er musste die groteske Sprache nicht verstehen, denn er las die Emotionen und Gedanken dieser Kreatur klar wie einen Frontbericht. Er stellte die Ohren auf und legte den Kopf schief, um sein Herrchen mit großen orangefarbenen Augen anzuschauen – dem einzigen Merkmal, das noch von seiner alten Form zeugte.

                Das Futter im Napf vor ihm roch frisch. Der Gelnahrung, die er als Feldherr zu sich genommen hatte, weit überlegen. Während er sich schnurrend das Fleisch einverleibte, dachte er einmal mehr, dass er es schlechter hätte treffen können.

                Sie hätten ihn in einen Hund sperren können. Keine zehn Grrzkars hätten ihn dazu gebracht, sein Geschäft draußen zu verrichten – wie ein N‘zuk!

                Ja, es gab schlimmere Arten, seinen Lebensabend zu verbringen.

                Aber das musste ja nicht heißen, dass er sich keine bessere Art vorstellen konnte.

                Er würde zurückkehren, sich rächen.

                Doch das hatte Zeit bis nach dem Abendbrot.